Der AfD-Kreisverband Kiel und die neonazistische Kameradschaftsszene um Bollstein Kiel

Immer wieder ist die Rede von Verbindungen der AfD zu Personen aus (anderen) Teilen der extremen Rechten. Ein im April gestartetes Rechercheprojekt der Tageszeitung taz, der Zeitschrift „Der Rechte Rand“ und des antifaschistischen Archivs apabiz konnte die erschreckend weitreichenden Verbindungen der Bundestagsfraktion mit AkteurInnen der extremen Rechten aufzeigen: „Über die Mitarbeiter gibt es Verbindungen nicht nur zu zentralen Organisationen wie der NPD, sondern in nahezu das gesamte Spektrum der extremen Rechten in Deutschland: Vereine und Zeitschriften, Burschenschaften und Splitterparteien. Diese Verbindungen findet man überall, keineswegs nur bei den als rechtsoffen bekannten Abgeordneten.“ (http://www.taz.de/!5498386/)

Dass diese Verbindungen bei weitem kein „Kaderphänomen“ sind, kann etwa im Wahlkampf des Kreisverbands Kiel beobachtet werden – sowohl im Bundestagswahlkampf im letzten Sommer als auch im gerade beendeten Kommunalwahlkampf:

Nachdem schon beim Landtagswahlkampf ein Großteil der AfD-Stände von lautstarken Protesten begleitet worden waren und auch dem Großteil der Veranstaltungen massiver Protest entgegengeschlagen hatte, war für den Bundestagswahlkampf klar: Im öffentlichen Raum kann die AfD kaum Menschen erreichen. Nicht selten wurde die Infostände vorzeitig abgebaut und die KämpferInnen für Rassismus und Nationalismus zogen enttäuscht von dannen.

Am Samstag, den 26.08.2017, beim Wahlkampfstand der AfD Kiel in der Kieler Holstenstraße, gestaltete sich die Situation allerdings etwas anders: Der Stand wurde von vier bis sechs Personen einer Neonazigruppe geschützt, die unter dem Namen „Bollstein Kiel“ Bekanntheit erlangt hat. So wurden unter anderem der frühere Kreisvorsitzende Achille Demagbo und der spätere Kommunalwahlkandidat Robert Schmidt durch Mario Herrmann, einem der Führer dieser kameradschaftsähnlichen Gruppe, und mehrere von Hermanns „Kameraden“ tatkräftig unterstützt.

Mario Hermann ist seit Anfang der Neunziger-Jahre ein in Kiel aktiver Neonazi, Jugendfreund und „Kampfgefährte“ des einschlägig bekannten Peter Borchert, seinerseits Führer des „revolutionären Flügels“ der Nazi-Partei NPD und später der mittlerweile aufgelösten „Aktionsgruppe Kiel“ (AgK). Hermann gilt darüber hinaus als Führungsfigur der Gruppe „Bollstein Kiel“ (siehe Infokasten).

Es kann nicht von einem Zufall gesprochen werden, wenn sich, zeitgleich mit dem Eintreffen der AfD-WahlkämpferInnen, die Gruppe der Neonazis am Rande positionierte, zumal die AfD Uhrzeit und Standort ihres Standes geheim gehalten hatte. Auch der immer wieder aufgenommene Kontakt zwischen AfD-Mitgliedern und der Gruppe um Hermann lässt darauf schließen, dass die Neonazis in ein „Schutzkonzept“ des AfD-Wahlstandes eingebunden waren.

Nachdem der von der AfD erwartete obligatorische Gegenprotest vollkommen friedlich war und der gebetsmühlenartig von der AfD angekündigte „Übergriff der Antifa“ nicht stattfand, wurde es der Schlägertruppe zu langweilig und sie verlegte Ihre Anwesenheit in die Peripherie der Kieler Innenstadt – nicht, ohne sich noch einmal von den anwesenden AfD–FunktionärInnen per Handschlag zu verabschieden.

Von der offenen Zusammenarbeit der AfD mit Neonazi-Strukturen berichtete die Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“ bereits im Sommer 2017. Die Auftritte der AfD Kiel im Kommunalwahlkampf vermitteln den Eindruck, dass die Partei daraus auch ihre Konsequenzen gezogen hat – aber nicht etwa, indem sie die Zusammenarbeit beendet hätte. Denn auch bei den Wahlkampfständen der Partei in Kiel-Mettenhof im April konnten Neonazis aus dem Umfeld von Mario Hermann in unmittelbarer Nähe zum AfD-Wahlkampfstand angetroffen werden. Eine direkte Kontaktaufnahme konnte von uns allerdings nicht dokumentiert werden – die AfD scheint also gemerkt zu haben, dass ein allzu offensichtlicher Kontakt mit offen neonazistischen Gruppen dann doch zu schädlich fürs Image ist.

Dennoch ist es natürlich bezeichnend, dass sich die AfD (auch) im Rahmen ihrer Wahlkämpfe immer wieder von ihrer bisherigen Funktion als Eisbrecher für rechte und neonazistische Strukturen entfernt und offen den Schulterschluss und die Zusammenarbeit mit neonazistischen Organisationen und Parteien wie NPD und Freien Kameradschaften sucht. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass die Verbindungen der AfD in das militante rechte Spektrum weder Einzelfälle noch Besonderheit eines „rechten Flügels“ innerhalb der Partei sind.

Auch in Kiel und Umgebung könnte hier eine gefährliche Mischszene entstehen, in der parlamentarische Rechte mit bewegungsorientierten, teils militanten Neonazis in Kontakt kommen. Welche Rolle die sogenannte identitäre Bewegung dabei in Schleswig-Holstein spielt, bleibt abzuwarten. Fest steht allerdings: Hier kommt zusammen, was ideologisch zusammengehört, aber bisher aufgrund soziokultureller Differenzen nicht recht zusammenkam.

Bollstein Kiel – vom „Fußballclub“ zur Neonazi-Vereinigung

2007 aus dem Umfeld der militanten Fußballszene von Holstein Kiel zunächst als Straßenfußballclub gegründet, mauserte sich „Bollstein Kiel“ schnell zu dem Kieler Verein der extremen Rechten. Hier kamen militante Neonazis und rechte Jugendliche zum Fußballspielen und Saufen zusammen. 2010 übernahmen Teile der Mitglieder von „Bollstein Kiel“ die Verantwortung für einen Treffpunkt für Jugendliche in Kiel Mettenhof. Durch gemeinsame Aktivitäten und Angebote für Jugendliche konnte der Verein in den folgenden Jahren seine lokale Verankerung in Kiel-Mettenhof merkbar ausbauen. Ein bedeutender Teil der rechten Aktivisten wohnte in einem Hochhaus im Stadtteil – oder zog nach und nach dorthin. Dieser „weiße Riese“ wurde so zur Hochburg der rechten Szene in Kiel, auch heute wohnt ein Großteil der ungefähr 40 Mitglieder der Gruppe dort, auch neue Mitglieder werden dort rekrutiert. Mit Mario Hermann wurde der Verein lange Zeit von einem der zentralen Akteure der Neonazi-Szene in Norddeutschland geführt. Auch heute scheint Hermann noch zentraler Wortführer und Entscheidungsträger zu sein.

Wahlkämpfer für Hermann Gutsche bei der Kommunalwahl 2013

Im Mai 2013 trat die NPD mit einer Tarnliste namens „Wahlalternative Kieler Bürger“ (WAKB) in der Kieler Kommunalwahl an. 23 der insgesamt 25 KandidatInnen kamen aus Kiel-Mettenhof, alleine 15 waren im Hauptquartier von Bollstein Kiel, dem „weißen Riesen“ gemeldet. Die WAKB konnte nach der Wahl mit dem NPD-Mitglied Hermann Gutsche einen Kandidaten ins Kieler Rathaus schicken. Dieses Mal kandidierte weder die NPD noch die WAKB – die damaligen Wahlkämpfer scheinen sich ja stattdessen auf die Unterstützung der AfD verlegt zu haben

Bollstein Kiel als Nazi-Reisegruppe

Daneben nahm die Gruppe seit 2013 mehrere Male offen an Neonazi-Demonstration teil, zum ersten Mal am 3. August 2013 im niedersächsischen Bad Nenndorf. Auch bei der „Merkel muss weg“-Demonstration in Berlin am 4. März 2017 nahmen Teile der Gruppe teil. Gemeinsam mit Personen aus der „identitären Bewegung“ – aber damals (noch) ohne Beteiligung der AfD – störten sie im April 2017 eine antimilitaristische Aktion der Partei Die Linke am Laboer U-Boot.

 

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